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Zweiundsiebzigste Tagung des Regionalkomitees für Europa: Tel Aviv, 12.–14. September 2022: Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO: Abschlussbericht

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Regionalkomitee für Europa 72. Tagung Tel Aviv, 12.–14. September 2022 EUR/RC72/17(I) 4. August 2022 | 220536 ORIGINAL: ENGLISCH Punkt 14 der vorläufigen Tagesordnung Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO Abschlussbericht Dieser Bericht bietet einen Überblick über die Fortschritte bei der Umsetzung der Strategie und des Aktionsplans für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO (2016–2022) in den vergangenen sechs Jahren. Darüber hinaus werden auch die neue Zukunftsvision und künftige Maßnahmen erläutert. Die Strategie und der Aktionsplan für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO (2016–2022) laufen demnächst aus. Insgesamt gesehen hat die Europäische Region der WHO bei der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in einer Reihe von Bereichen erhebliche Fortschritte erzielt, doch es bestehen nach wie vor Lücken. Zur Schließung dieser Lücken in den kommenden Jahren wird ein neues Narrativ mit fünf Lehren und fünf Handlungssäulen vorgeschlagen. Dieser 5+5-Ansatz wurde den Mitgliedstaaten auf der Hochrangigen Tagung zum Thema Migration und Gesundheit im März 2022 präsentiert und führte zur Annahme eines Abschlussdokuments. Dieses Dokument zeugt von der kontinuierlichen Führungsarbeit der Länder und von der Entschlossenheit zur Fortsetzung der Arbeit im Bereich der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten. Daher wird nun vorgeschlagen, in enger Partnerschaft mit allen Ländern und Partnerorganisationen sowie mit Vertretern von Flüchtlingen und Migranten einen neuen Aktionsplan für die Europäische Region auszuarbeiten und ihn 2023 dem WHO-Regionalkomitee für Europa vorzulegen. Das vorliegende Arbeitsdokument wird in Einklang mit der Resolution EUR/RC66/R6 der 72. Tagung des Regionalkomitees vorgelegt. EUR/RC72/17(I) Seite 2 Inhalt Einführung ............................................................................................................................................... 3 Ein zweckdienlicher Ansatz für Migration und Gesundheit .................................................................... 4 Ressortübergreifende Zusammenarbeit und Berücksichtigung der Stimmen von Flüchtlingen und Migranten ........................................................................................................................................... 5 Akzeptanz der grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft und Anerkennung von Migration als Aktivposten......................................................................................................................................... 5 Stärkung der Zusammenarbeit in einem die gesamte Migrationsroute umfassenden Ansatz ......... 6 Aufbauen auf inklusiven Gesundheitssystemen, die patientenorientiert sind, die Belange von Flüchtlingen und Migranten berücksichtigen und geschlechtersensibel sind ................................... 6 Anerkennung des „One Health“-Gesundheitsansatzes und seiner Anknüpfungspunkte zur Migration ............................................................................................................................................ 7 Handlungssäulen für Fortschritte bei der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten ....................... 7 EUR/RC72/17(I) Seite 3 EINFÜHRUNG 1. Migration und Flucht betreffen die Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der WHO und darüber hinaus nach wie vor und wirken sich auf Gesellschaft, Politik und öffentliche Gesundheit aus. 1 , 2 In der Europäischen Region leben knapp 36% aller internationalen Migranten 3 , und mehr als 13% der Gesamtbevölkerung der Europäischen Region sind internationale Migranten – ein deutlicher Anstieg gegenüber knapp 4% im Jahr 1990.4 2. Aufgrund des verheerenden Krieges in der Ukraine steigt die Zahl der Menschen auf der Flucht in der Europäischen Region täglich. Deshalb gilt es nun erneut, darauf aufmerksam zu machen und gezielt darauf hinzuarbeiten, dass alle Menschen ungeachtet ihrer Herkunft über einen gleichberechtigten und ungehinderten Zugang zur Gesundheitsversorgung verfügen. 3. Auf der Hochrangigen Tagung über die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten im Jahr 2015 war die Europäische Region mit einem plötzlichen und massiven Zustrom von Flüchtlingen, Asylbewerbern und Migranten konfrontiert. Damals wurden Migration und Flucht als eine Krise für die Durchgangs- und Aufnahmeländer gesehen, was eine hitzige politische Debatte auslöste. 4. Angesichts der Notwendigkeit einer gemeinsamen und koordinierten Reaktion zugunsten der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten wurden im September 2016 die Strategie und der Aktionsplan für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO für den Zeitraum bis 2022 angenommen.5 5. 2018 veröffentlichte das WHO-Regionalbüro für Europa (WHO/Europa) zur Schaffung einer Evidenzgrundlage für die Mitgliedstaaten in der Europäischen Region sowie andere nationale und internationale maßgebliche Akteure und zu deren Unterstützung bei der Umsetzung der Strategie und des Aktionsplans für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten den ersten Bericht über die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO.6 1 Fortschrittsbericht über die Umsetzung der Strategie und des Aktionsplans für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO. Siehe https://apps.who.int/iris/handle/10665/338852. 2 Gesundheitsdiplomatie: Themenschwerpunkt Flüchtlinge und Migranten. Siehe https://apps.who.int/iris/handle/10665/326918. 3 In diesem Dokument umfasst der Begriff „internationale Migranten“ sämtliche Personen, die internationale Grenzen überqueren, unabhängig von ihrem Rechts- oder Migrationsstatus. Die gemeinsame Erwähnung von „Flüchtlingen und Migranten“ orientiert sich an der Sprache der Strategie und des Aktionsplans für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO (siehe https://apps.who.int/iris/handle/10665/338087). Diese Formulierung wird gelegentlich noch verwendet, um zu bestätigen, dass Flüchtlinge im Begriff „Migranten“ mit einbezogen sind. Flüchtlinge und Migranten sind heterogene Gruppen. Die in diesem Dokument verwendeten Definitionen sind in keiner Weise mit einem rechtlichen Status oder mit Leistungsansprüchen verbunden. Eine allgemein anerkannte Definition des Begriffs „Migranten“ gibt es bisher nicht. Die innerhalb der Europäischen Region der WHO angewandten Definitionen sind sehr unterschiedlich, was auf politische Sensibilitäten hindeutet und spezielle Herausforderungen mit sich bringt, namentlich im Hinblick auf Rechtsansprüche und den Zugang zur Gesundheitsversorgung, die durch nationale Vorschriften und Gesetze geregelt werden. Für die Zwecke dieses Dokuments wird der Begriff „Migrant“ in Übereinstimmung mit der Resolution WHA61.17 als Oberbegriff benutzt, und die Begriffe „Flüchtling“ und „Asylbewerber“ werden gemäß dem Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 sowie den Empfehlungen der Internationalen Organisation für Migration und des Amts des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen angewendet. Bei der Betrachtung globaler und regionsweiter Migrationstrends empfiehlt es sich, grundsätzlich zwischen zwei Phänomenen zu unterscheiden: i. einer langfristigen strukturellen Migration, die durch globale Ungleichheiten bedingt ist, und ii. einer akuten Massenflucht als Folge von Kriegen, Konflikten oder Naturkatastrophen. 4 Die Zahlen für 1990 und 2020 finden sich hier: https://www.un.org/development/desa/pd/sites/www.un.org.development.desa. pd/files/undesa_pd_2020_ims_stock_by_sex_and_destination.xlsx. 5 Strategie und Aktionsplan für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO Siehe https://apps.who.int/iris/handle/10665/338087. 6 Bericht über die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten in der Europäischen Region der WHO: Keine öffentliche Gesundheit ohne die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten. Siehe https://apps.who.int/iris/handle/10665/311347. EUR/RC72/17(I) Seite 4 6. Die regelmäßige Erfolgskontrolle in den vergangenen sechs Jahren hat sowohl Fortschritte bei der Umsetzung der Strategie und des Aktionsplans als auch noch verbleibende Defizite aufgezeigt. 7 Eine wachsende Zahl von Mitgliedstaaten hat ihre Gesundheitssysteme inklusiver und leichter zugänglich für Flüchtlinge und Migranten gemacht. Die Länder zeigen in ihren nationalen und kommunalen Konzepten und Praktiken ein verbessertes Bewusstsein für die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten. Darüber hinaus verfügt die Mehrzahl der Mitgliedstaaten über einen Notfallplan für den Fall eines massiven Zustroms von Flüchtlingen und Migranten, und in einigen Ländern werden diese Pläne infolge der aktuellen massiven Flucht infolge des Kriegs in der Ukraine auf eine harte Probe gestellt. Ebenso haben viele Mitgliedstaaten große Anstrengungen unternommen, um beim Umgang mit den Auswirkungen von COVID-19 auch Flüchtlinge und Migranten einzubeziehen. 7. Insgesamt gesehen wenden 2022 viele Mitgliedstaaten einen stärker ganzheitlichen Ansatz in Bezug auf die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten an und sind sich der Bedeutung der sozialen Determinanten von Gesundheit, eines gesamtgesellschaftlichen Ansatzes, der Einbeziehung von Überzeugungsarbeit und der gesundheitlichen Rechte sowie einer Berücksichtigung der weniger beachteten Bereiche wie psychische Gesundheit und nichtübertragbare Krankheiten bewusst, anstatt sich wie 2018 hauptsächlich auf Infektionskrankheiten zu konzentrieren. Dies ist auch an der Art und Weise ersichtlich, in der die Länder in der Europäischen Region gegenwärtig die aus der Ukraine Geflüchteten aufnehmen und integrieren. 8. Doch es sind noch weitere Fortschritte notwendig, bevor die Gesundheitssysteme in der Europäischen Region vollständig inklusiv für alle Flüchtlinge und Migranten sind. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass Migration keineswegs ein neues Phänomen ist, sondern ein anhaltender Prozess, der unsere Gesellschaften entscheidend bereichert – und damit ein wesentliches Element in unserer Entwicklung. 9. Im März 2022 lud WHO/Europa das WHO-Hauptbüro sowie die WHO-Regionalbüros für Afrika und den östlichen Mittelmeerraum zu der Hochrangigen Tagung über Migration und Gesundheit in Istanbul ein, um die aktuelle Situation und die bisherigen Lehren zu erörtern und vorrangige Maßnahmen für das weitere Vorgehen zu bestimmen. 10. Die Hochrangige Tagung zeugte von einer erneuerten gemeinsamen Zukunftsvision der drei Regionen im Bereich Migration und Gesundheit und von der Entschlossenheit, der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten weiterhin einen hohen Stellenwert auf der Tagesordnung der Länder und der Europäischen Region insgesamt zu sichern, und trifft im Kern die zentrale Maxime des Europäischen Arbeitsprogramms 2020–2025 (EPW), niemanden zurückzulassen. 11. Im vorliegenden Bericht werden neben den im Rahmen der aktuellen Strategie und des Aktionsplans erzielten Erfolgen auch die noch unerledigten Aufgaben genannt. Auf der Grundlage der anhaltenden Entschlossenheit und der angestrebten Ziele, die die Mitgliedstaaten und Partnerorganisationen in dem Abschlussdokument der Hochrangigen Tagung zum Ausdruck gebracht haben 8 , schlagen wir vor, die Ausarbeitung eines neuen Aktionsplans für die Europäische Region für den Zeitraum 2023–2030 zu erwägen, der dem WHO-Regionalkomitee für Europa im September 2023 vorgelegt wird. Dieser neue Aktionsplan soll aus regionsweiten Konsultationen mit den Mitgliedstaaten sowie mit Vertretern von Flüchtlingen und Migranten und mit Partnerorganisationen hervorgehen. EIN ZWECKDIENLICHER ANSATZ FÜR MIGRATION UND GESUNDHEIT 12. Bei der Umsetzung der aktuellen Strategie und des aktuellen Aktionsplans seit 2016 haben sich fünf augenfällige Lehren herauskristallisiert, die in einen zweckdienlichen künftigen Ansatz einfließen sollen. 7 Die dritte und letzte Runde der Weiterverfolgung der Umsetzung der Strategie und des Aktionsplans erfolgte im Rahmen einer 2022 durchgeführten Umfrage in allen 53 Mitgliedstaaten in der Europäischen Region der WHO. Insgesamt wurde die Umfrage von 31 Ländern beantwortet, die ihre Erfolge schilderten und auch Auskunft über ihre künftigen Prioritäten gaben. Weitere Informationen und eine Analyse der Ergebnisse der Befragung können Sie dem Hintergrunddokument zu diesem Bericht entnehmen. 8 In der Abschlusserklärung der Tagung wurden diese zentralen Aspekte hervorgehoben. Siehe https://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0010/527986/migrants-refugees-health-statement-eng.pdf. EUR/RC72/17(I) Seite 5 Ressortübergreifende Zusammenarbeit und Berücksichtigung der Stimmen von Flüchtlingen und Migranten 13. Gesundheit wird durch komplexe Wechselwirkungen zwischen sozialen, politischen, ökonomischen und umweltbedingten Gegebenheiten geprägt, die zur Entstehung gesundheitlicher Ungleichheiten führen können. Die Prozesse von Migration und Flucht sind von ressortübergreifender Tragweite, während die Entscheidungsprozesse in der Migrationspolitik oft isoliert und ressortintern ablaufen, was zuweilen zu Lasten der Gesundheit und des Wohlbefindens von Flüchtlingen und Migranten, aber auch der Gesellschaft des Aufnahmelandes geht. 14. Hier ist ein verstärktes Augenmerk auf den Grundsatz „Gesundheit in allen Politikbereichen“ erforderlich; Gleiches gilt für eine spezielle Berücksichtigung gesundheitlicher Aspekte in der Migrationspolitik. Die Eruierung von Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen Organisationen der Vereinten Nationen, mit der Europäischen Kommission und mit anderen maßgeblichen Akteuren – insbesondere innerhalb bestehender globaler und regionsweiter Rahmen – ist eine vorrangige Aufgabe. Zu diesen anderen Akteuren zählen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen, humanitäre Organisationen und Akteure der Entwicklungszusammenarbeit, Privatunternehmen, Praktiker im Bereich Migration und Gesundheit und nicht zuletzt Vertreter von Flüchtlingen, Migranten und im Ausland lebenden Gemeinschaften. 15. Die Einbeziehung von Flüchtlingen und Migranten in Entscheidungsprozesse ist unverzichtbar; ihre Stimmen leisten einen entscheidenden Beitrag zur Bestimmung von Problemen und Lösungen im Bereich der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten. Akzeptanz der grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft und Anerkennung von Migration als Aktivposten 16. Die Wahrung der Rechte von Migranten ist unsere gemeinsame menschenrechtliche Verantwortung. Hierzu gehört die Gewährleistung des gleichberechtigten und ungehinderten Zugangs zur Gesundheitsversorgung. 17. Migration bietet den Mitgliedstaaten u. a. erhebliche soziale, ökonomische, kulturelle und entwicklungsbezogene sowie andere Vorteile. Ein leistungsfähiger und inklusiver Ansatz für die Gesundheit von Migranten trägt dieser Tatsache Rechnung. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der derzeitigen sozialen und demografischen Übergänge von Bedeutung. 18. So ist das Altern der Bevölkerung in der Europäischen Region eine erhebliche und anhaltende Herausforderung, die viele Mitgliedstaaten dazu veranlassen wird, mehr auf Einwanderung zu setzen, um den Arbeitsmarkt zu versorgen und bestehende Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Die COVID-19-Pandemie hat uns erneut den unentbehrlichen Beitrag von Flüchtlingen und Migranten in unseren Gesellschaften und auf dem Arbeitsmarkt vor Augen geführt, auch im Gesundheitswesen und in anderen grundlegenden Versorgungsbereichen. 19. Überhaupt haben Flüchtlinge und Migranten insgesamt einen positiven Effekt auf die Volkswirtschaften der Aufnahmeländer und befördern durch ihre Rücküberweisungen auch die Entwicklung in ihren Herkunftsländern. Migration trägt neben anderen positiven Wirkungen auch zur Stärkung sozialer Bande, zur Ausweitung des Wissens- und Ideenaustauschs und zur Förderung politischen Engagements bei. Die Gewährleistung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Flüchtlingen und Migranten ist ein Menschenrecht sowie ein wichtiger Bestandteil bei der Verwirklichung ihrer Beiträge. In einem künftigen Zielkatalog im Bereich Migration und Gesundheit müssen die positiven Beiträge von Flüchtlingen und Migranten anerkannt und in den Aufnahme- und Herkunftsländern Widerstandskraft und Kapazitätsaufbau gefördert werden. EUR/RC72/17(I) Seite 6 Stärkung der Zusammenarbeit in einem die gesamte Migrationsroute umfassenden Ansatz 20. Auch wenn Politiksteuerung im Bereich Migration und Gesundheit eine Angelegenheit von souveränen Staaten ist, so können doch Gesundheit und Wohlbefinden von Flüchtlingen und Migranten als grenzüberschreitende Frage nur durch mehr internationale Solidarität und Zusammenarbeit zuverlässig und nachhaltig in Angriff genommen werden. Nur in einzelnen Ländern verfolgte Lösungen werden regionsweit oder weltweit eingegangenen Verpflichtungen und einem die gesamte Migrationsroute umfassenden Ansatz nicht gerecht. Mitgliedstaaten in den verschiedenen Regionen der WHO müssen im Geiste internationaler und interinstitutioneller Zusammenarbeit gemeinsam effektive Wege zur Gewährleistung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Flüchtlingen und Migranten, aber auch der Bevölkerung der Aufnahmeländer anstreben. 21. Flucht- und Migrationsrouten und -korridore sind meist hinlänglich bekannt und bieten daher hervorragende Gelegenheiten zur Verstärkung des Engagements entlang der gesamten Routen, etwa durch Bereitstellung und Zugänglichmachung von Gesundheitsangeboten in Durchgangsländern, die Gegenseitigkeit von Normen und Standards beim Gesundheitsschutz zwischen Nachbarländern und die Verbesserung der grenzüberschreitenden Kontinuität und Portabilität der Versorgung, beispielsweise mit Blick auf Impfungen. Die Anwendung evidenzbasierter Leitlinien für die Durchführung von Gesundheitsbeurteilungen bei Flüchtlingen und Migranten an Grenzen und während ihres Aufenthalts in Aufnahmezentren sollte gefördert werden. Weitere Chancen ergeben sich aus einer gestärkten Abstimmung zwischen Erbringern von Gesundheitsleistungen sowie einem sorgfältigen Informationsaustausch, der auch grenzüberschreitende Surveillance-Daten einschließt. Aufbauen auf inklusiven Gesundheitssystemen, die patientenorientiert sind, die Belange von Flüchtlingen und Migranten berücksichtigen und geschlechtersensibel sind 22. Der Aufbau von Gesundheitssystemen, die die Belange von Flüchtlingen und Migranten berücksichtigen, bedeutet keine parallelen Programmstrukturen, sondern vielmehr einen Abbau der Barrieren für Flüchtlinge und Migranten beim Zugang zum regulären Gesundheitswesen; die Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten ist ein fester Bestandteil der Bevölkerungsgesundheit. Umgekehrt ist die Bereitstellung einer umfassenden Gesundheitsversorgung für alle Flüchtlinge und Migranten mit der Gewährung formeller Ansprüche noch nicht vollständig, sondern sie erfordert eine inklusive und diskriminierungsfreie Versorgung, bei der auch die Qualität gewährleistet ist. 23. Die Schaffung inklusiver Gesundheitssysteme setzt die Förderung eines diskriminierungsfreien und chancengleichen Zugangs zu hochwertigen Gesundheitsleistungen im Rahmen einer allgemeinen Gesundheitsversorgung voraus, unabhängig von Alter, Geschlecht, Behinderung, Rasse 9 , ethnischer Zugehörigkeit, Herkunftsland, Religion oder Zahlungsfähigkeit. Sie erfordert auch eine weitestgehende Vermeidung administrativer, rechtlicher, logistischer, kultureller, sprachlicher, geschlechtsbedingter und sonstiger Barrieren für Flüchtlinge und Migranten beim Zugang zur Versorgung. Interkulturelle Kompetenz spielt eine zentrale Rolle, und das Gesundheitswesen muss so ausgestattet sein, dass es auf die vielfältigen Bedürfnisse von Flüchtlingen und Migranten während sämtlicher Phasen ihrer Migration reagieren kann. Der Kapazitätsaufbau unter örtlichen Leistungserbringern und Organisationen mit Ortskompetenz ist ein zentraler Aspekt dieser Arbeit in den Ländern. 24. Eine effektive und inklusive Gesundheits- und Sozialversorgung setzt auch die Unteilbarkeit und Universalität der Menschenrechte voraus. Wie für alle anderen Menschen gelten auch für Flüchtlinge und Migranten das Recht auf ein Höchstmaß an Gesundheit, das Recht auf einen gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung sowie Rechte in Bezug auf die zugrunde liegenden Determinanten von Gesundheit, wie eine diskriminierungsfreie Behandlung und sichere Lebens- und Arbeitsbedingungen. 9 Anm. d. Übers.: Die Verwendung des Begriffs „Rasse“ in dieser Aufzählung ist schlicht die wörtliche Übersetzung des in der englischen Fassung verwendeten Begriffs „race“. EUR/RC72/17(I) Seite 7 Anerkennung des „One Health“-Gesundheitsansatzes und seiner Anknüpfungs- punkte zur Migration 25. Ein „One Health“-Gesundheitsansatz wird als wesentlich für die Verknüpfung der menschlichen Gesundheit mit der Gesundheit von Tieren und unserem Planeten insgesamt angesehen. Auch wenn dieser Ansatz an sich kein neues Konzept darstellt, so wird doch seine Bedeutung für den Themenkomplex Migration und Flucht immer deutlicher, vor allem mit Blick auf die Gefahren entlang der Migrationsrouten, etwa durch Exposition gegenüber antimikrobiellen Resistenzen. Auch der vom Menschen verursachte Klimawandel ist eine besonders dringende Herausforderung, da er erhebliche Veränderungen hinsichtlich der Funktionsweise der Umwelt der Menschen sowie der ökologischen Güter und Leistungen, auf denen ihre Existenzen beruhen, bewirkt. Infolge dieser Wirkung sind bereits jetzt deutliche Veränderungen im (freiwilligen und unfreiwilligen) menschlichen Mobilitätsverhalten zu beobachten, die sich künftig noch beschleunigen dürften. 26. Auch andere ökologische, gesundheitliche und humanitäre Notlagen nehmen zu. 2022 werden im Vergleich zum Vorjahr 39 Mio. Menschen mehr humanitäre Hilfe und Schutz benötigen, sodass die Gesamtzahl auf etwa 274 Mio. Menschen anwachsen wird, die höchste Zahl seit Jahrzehnten. 10 Ein erneuerter Ansatz im Bereich Migration und Gesundheit muss auf diese Notlagen sowie ihre potenziell beträchtlichen Auswirkungen auf die künftige Mobilität der Bevölkerung angemessen reagieren. HANDLUNGSSÄULEN FÜR FORTSCHRITTE BEI DER GESUNDHEIT VON FLÜCHTLINGEN UND MIGRANTEN 27. Im Rahmen der jüngst durchgeführten abschließenden Befragung über die Umsetzung der Strategie und des Aktionsplans nannten die Mitgliedstaaten einige Themen, die in einer künftigen Fassung enthalten sein müssen: Bereitstellung, Übersetzung und kulturelle Anpassung von Gesundheitsinformationen und Gesundheitsangeboten für Flüchtlinge und Migranten; Verbesserung der Datenlage und -verfügbarkeit über die Gesundheit von Migranten, um evidenzgeleitete Konzepte und einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung zu gewährleisten; und mehr gesundheitliche Gleichstellung und Chancengleichheit für Flüchtlinge und Migranten. 28. Durch Beratungen mit den Mitgliedstaaten sowie im Zusammenwirken mit dem WHO-Hauptbüro und den WHO-Regionalbüros für Afrika und den östlichen Mittelmeerraum, dem informellen Beratungsgremium und einer Reihe von maßgeblichen Partnern wurden fünf transformative Handlungssäulen herausgearbeitet, an denen sich unser Streben und Handeln in Zukunft orientieren soll: • Handlungssäule 1: Gewährleistung, dass Flüchtlinge und Migranten unabhängig von ihrem Migrationsstatus oder ihrem Versicherungsschutz von einer allgemeinen Gesundheitsversorgung profitieren. • Handlungssäule 2: Einführung inklusiver Konzepte und Maßnahmen zur Verringerung der Gefahr von Notlagen und Katastrophen, um die Widerstandsfähigkeit von Flüchtlingen und Migranten zu erhöhen, die Bereitschaftsplanung in den Aufnahmeländern zu fördern und die Sicherheit der grenzüberschreitenden Mobilität aufrechtzuerhalten. • Handlungssäule 3: Entwicklung inklusiver Umfelder, die soziale Inklusion, Gesundheit und Wohlbefinden fördern und zum Abbau von Ungleichheiten zwischen Menschen beitragen. • Handlungssäule 4: Stärkung der Politiksteuerung im Bereich Migration und Gesundheit und einer evidenz- und datengestützten Politikgestaltung. • Handlungssäule 5: Erforschung innovativer Arbeitsmethoden, um ehrgeizige Ziele erreichen und Partnerschaften als unentbehrliches Werkzeug entwickeln zu können. 10 Globaler Überblick über Maßnahmen der humanitären Hilfe 2022. Siehe https://gho.unocha.org. EUR/RC72/17(I) Seite 8 29. Diese Handlungssäulen stehen allesamt vollständig im Einklang mit den Prioritäten des EPW und mit den global geltenden Prioritäten, wie sie im Dreizehnten Allgemeinen Arbeitsprogramm 2019–2023 der WHO, dem Globalen Aktionsplan zur Förderung der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten, dem Globalen Pakt für Flüchtlinge und dem Globalen Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration sowie den Zielen für nachhaltige Entwicklung genannt werden. Die Verwirklichung der in diesen globalen und regionsweiten Rechtsinstrumenten festgelegten Ziele wird nur gelingen, wenn die Gesundheit und das Wohlbefinden von Flüchtlingen und Migranten gebührend berücksichtigt wird. 30. Um dauerhafte Fortschritte erreichen und das Versprechen, niemanden zurückzulassen, halten zu können, bedarf es einer neuen Zukunftsvision und einer anhaltenden Führungsrolle der Politik zugunsten der Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten. Aufbauend auf diesem politischen Momentum wird WHO/Europa parallel zu seinen Notfallmaßnahmen angesichts der Massenmigration innerhalb der Europäischen Region in enger Abstimmung mit den Ländern darauf hinarbeiten, gut zugängliche, patientenorientierte und inklusive Gesundheitssysteme zu schaffen und seine Partnerschaft mit den beiden benachbarten WHO-Regionen auszubauen. 31. Angesichts des vor Kurzem angenommenen Abschlussdokuments der Hochrangigen Tagung und der Vereinbarung von vorrangigen Handlungsfeldern freut sich das Programm Migration und Gesundheit bei WHO/Europa darauf, in den kommenden zwölf Monaten zusammen mit allen Mitgliedstaaten und Partnerorganisationen einen neuen Strategie- und Aktionsplan für die Europäische Region auszuarbeiten und ihn 2023 dem Regionalkomitee vorzustellen, damit wir weiterhin gemeinsam darauf hinarbeiten können, Gesundheit für alle – unabhängig von der Herkunft eines Menschen – zu verwirklichen. = = =

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