Lernen von der Praxis Fallstudien zur Betrachtung von Gesundheit in der strategischen Umweltprüfung und Umweltverträglichkeitsprüfung Resümee LIVERPOOL U N I V E R S I T Y O F Environmental Assessment and Management RESEARCH CENTRE WHO Collaborating Centre on Health in Impact Assessments © Weltgesundheitsorganisation 2022 Bestimmte Rechte vorbehalten. Dieses Dokument wird unter einer Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 IGOLizenz (CC BY-NC-SA 3.0 IGO; https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/igo/deed.de) bereitgestellt. Unter den Bedingungen dieser Lizenz dürfen Sie dieses Dokument kopieren, verteilen und das Werk für nicht-kommerzielle Zwecke anpassen, sofern das Dokument angemessen zitiert wird, wie unten angegeben. Bei der Verwendung dieses Dokuments darf nicht der Eindruck erweckt werden, dass die Weltgesundheitsorganisation eine bestimmte Organisation, bestimmte Produkte oder bestimmte Dienstleistungen empfiehlt. Die Verwendung des WHO-Logos ist nicht erlaubt. Wenn Sie das Dokument anpassen, müssen Sie Ihr Dokument unter der gleichen oder einer gleichwertigen Creative Commons-Lizenz lizenzieren. Wenn Sie eine Übersetzung dieses Werkes erstellen, sollten Sie den folgenden Haftungsausschluss zusammen mit dem vorgeschlagenen Zitat hinzufügen: „Diese Übersetzung wurde nicht von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt. Die WHO ist nicht verantwortlich für den Inhalt oder die Richtigkeit dieser Übersetzung. Die englische Originalausgabe ist die verbindliche und maßgebende Ausgabe: Learning from practice: case studies of health in strategic environmental assessment and environmental impact assessment across the WHO European Region. Executive summary. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe; 2022“. Jede Schlichtung von Streitigkeiten, die mit der Lizenz im Zusammenhang stehen, erfolgt gemäß der Schlichtungsordnung der Weltorganisation für geistiges Eigentum (http://www.wipo.int/amc/en/mediation/rules) durchzuführen. Zitatvorschlag. Lernen von der Praxis: Fallstudien zur Betrachtung von Gesundheit in der strategischen Umweltprüfung und Umweltverträglichkeitsprüfung. Resümee. Kopenhagen: WHO-Regionalbüro für Europa; 2022. Lizenz: CC BY-NC-SA 3.0 IGO. Cataloguing-in-Publication-Daten (CIP). CIP-Daten stehen unter http://apps.who.int/iris zur Verfügung. Vertrieb, Rechte und Lizenzierung. Für den Erwerb von WHO-Publikationen besuchen Sie bitte http://apps.who.int/bookorders. Anfragen über die kommerzielle Nutzung und zu den Rechten und zur Lizenzierung: http://www.who.int/about/licensing. Materialien von Drittanbietern. Wenn Sie Material aus diesem Dokument nutzen möchten, das von einem Dritten stammt, etwa Tabellen, Zahlen oder Bilder, liegt es in Ihrer Verantwortung, festzustellen, ob eine Genehmigung für eine solche Nutzung erforderlich ist, die Sie im entsprechenden Fall von dem betreffenden Rechte-Inhaber einholen müssen. Das Risiko, für eine Verletzung von Urheberrechten aufgrund der widerrechtlichen Nutzung von im Dokument enthaltenen Materialien von Dritten liegt allein beim Benutzer. Generelle Haftungsausschlüsse. Die in dieser Veröffentlichung benutzten Bezeichnungen und die Darstellung des Stoffes beinhalten keine Meinungsäußerung seitens der WHO bezüglich des rechtlichen Status eines Landes, eines Territoriums, einer Stadt oder eines Gebiets bzw. ihrer Behörden oder bezüglich des Verlaufs ihrer Staats- oder Gebietsgrenzen. Gepunktete und gestrichelte Linien auf Landkarten bezeichnen ungefähre Grenzlinien, über deren Verlauf es eventuell noch keine vollständige Übereinstimmung gibt. Die Erwähnung bestimmter Firmen oder der Erzeugnisse von gewissen Herstellern besagt nicht, dass diese von der WHO im Gegensatz zu anderen, nicht erwähnten Firmen oder Erzeugnissen ähnlicher Art bevorzugt oder empfohlen werden. Abgesehen von eventuellen Irrtümern und Auslassungen sind Markennamen im Text durch Großschreibung gekennzeichnet. Die WHO hat alle angemessenen Vorkehrungen getroffen, um die in dieser Publikation enthaltenen Informationen auf Richtigkeit zu überprüfen. Dennoch wird die Publikation ohne irgendeine explizite oder implizite Gewähr herausgegeben. Die Verantwortung für die Auslegung und Verwendung des Materials liegt beim Leser. Die WHO haftet in keiner Weise für eventuelle durch die Verwendung dieser Informationen bewirkte Schäden. Design: 4PLUS4 Danksagungen Dieser Bericht wurde erstellt von: • Ryngan Pyper (Ben Cave Associates Ltd. und WHO-Kooperationszentrum zu Gesundheit in Verträglichkeitsprüfungen, Universität Liverpool, Vereinigtes Königreich) • Thomas B. Fischer (WHO-Kooperationszentrum zu Gesundheit in Verträglichkeitsprüfungen, Universität Liverpool, Vereinigtes Königreich) • Tara Muthoora (WHO-Kooperationszentrum zu Gesundheit in Verträglichkeitsprüfungen, Universität Liverpool, Vereinigtes Königreich) • Ben Cave (Ben Cave Associates Ltd. und WHO-Kooperationszentrum zu Gesundheit in Verträglichkeitsprüfungen, Universität Liverpool, Vereinigtes Königreich). Die WHO möchte dem Gutachter, Dr. Gabriel Gulis, WHO-Berater, Universität Süddänemark, für seine Beiträge und nützlichen Hinweise zu Entwürfen dieser Veröffentlichung danken. Julia Nowacki und Sinaia Netanyahu, WHO-Regionalbüro für Europa, unterstützten die Gestaltung des Projektes in einem frühen Stadium, kommentierten verschiedene Entwürfe und koordinierten die Produktion des Berichts. Francesca Racioppi, WHO-Regionalbüro für Europa, trug ebenfalls durch Kommentierung zum Gelingen des Berichts bei. Besonders bedanken möchte WHO sich bei Joachim Hartlik, UVP Gesellschaft, Deutschland, für die ausführliche Überarbeitung der deutschen Fassung des Resümees. Dieser Bericht wurde mit Unterstützung des deutschen Bundesministeriums für Gesundheit finanziert. Dokumentnummer: WHO/EURO:2022-4882-44645-64185 Resümee Einführung Die menschliche Gesundheit und die Umwelt sind untrennbar miteinander verbunden und können vom Menschen unter anderem durch Errichtung und Betrieb von Infrastrukturvorhaben, durch Vorhaben gewerblich-industrieller Aktivitäten, Siedlungsentwicklung aber auch durch Tätigkeiten wie Landwirtschaft Folgen für Umwelt und Gesundheit nach sich ziehen. Hierzu gibt es mit der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ein national wie international etabliertes Instrument der vorsorgeorientierten Folgenabschätzung. In Ergänzung zu diesem auf konkrete Projekte fokussierten Instrument, existiert auf der Plan- und Programmebene die Strategische Umweltprüfung (SUP). Für beide Instrumente wird der Oberbegriff Umweltprüfung verwendet.1 Während die Berücksichtigung von Umweltauswirkungen in vielen Umweltbereichen wie dem Schutz des Menschen vor Immissionen, dem Gewässerschutz oder dem Arten- und Gebietsschutz etabliert ist, bleibt dies bei den Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen in der Praxis der Umweltprüfungen leider oft unbefriedigend. Viel zu wenig wird in Umweltprüfungen bisher die menschliche Gesundheit an einem Gesundheitsbegriff orientiert, der die Umwelt des Menschen als Gesamtheit aus biologischen, physikalischen und chemischen Determinanten sowie des Wohnumfeldes und des sozialen Umfeldes, einschließlich sozio-ökonomischer Faktoren versteht. Mangelnde Umweltgerechtigkeit, gesunde Lebensbedingungen, eine gesunde Lebensführung, Sicherheit und Zusammenhalt der Gemeinschaften, Zugang zu Gesundheits- und Sozialfürsorgedienste zählen ebenfalls dazu. Dieser Bericht ist die erste Internet- und Literaturübersicht, die sich auf die Art und Weise konzentriert, wie die menschliche Gesundheit in Umweltprüfungen in den Mitgliedstaaten der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) berücksichtigt wird. Er untersucht, wie menschliche Gesundheit innerhalb der 53 Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO (1) in SUP und UVP interpretiert und behandelt wird. Er stellt eine Reihe bewährter Praktiken vor, die den Nutzen einer „weiten“ Definition von Gesundheit in diesen Bewertungen nutzen, um nachhaltigere Entscheidungen auf einer angemessenen und verlässlichen Informationsbasis zu treffen. Die Identifikation von möglichen gesundheitlichen Auswirkungen stellt dabei die Grundlage für die Suche nach Alternativen und Maßnahmen dar, die Belastung des Menschen – auch unterhalb der Einhaltung von Rechtsnormen – zu verhindern, abzumildern oder gar zu verbessern. 1 Anmerkung der Editoren: Ziel von Umweltprüfungen ist es, so früh wie möglich umfassend über die möglichen Konse- quenten eines Programms, Plans oder Projekts im Hinblick auf die gesundheits- und umweltbezogenen zu informieren. Die Gesundheits- und Umweltbelange sollen somit gebündelt in den Entscheidungsprozess integriert und dort ihrem objektiven Gewicht entsprechend berücksichtigt werden. Auch sind mögliche Vermeidungs-, Minderungs- und Ausgleichsmaßnahmen zu identifizieren, die verbindlicher Bestandteil des Programms, Plans und Projektes werden sollten. 1 Lernen von der Praxis. Fallstudien zur Betrachtung von Gesundheit in der strategischen Umweltprüfung und Umweltverträglichkeitsprüfung Zielgruppe Der Bericht richtet sich an Personen aus der Praxis aller staatlichen Bereichsebenen – lokal, regional, national – für Umwelt, Gesundheit und Planung. Er kann zudem zwischenstaatliche Prozesse in Bezug auf die relevanten Rahmenübereinkommen wie die UVP- und SUP Richtlinien der EU und das SUP-Protokoll zur Espoo Konvention der UNECE unterstützen. Der Bericht erörtert nicht grundlegende Begriffe der Folgenabschätzung, bzw. Umweltprüfung. Forschungsfrage Die primäre Forschungsfrage lautete: Wie werden die gesetzlich vorgeschriebenen SUP- und UVP-Regelungen zur Ermittlung und Bewertung der Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit in den Mitgliedsländern der Europäischen Region der WHO gedeutet und in der Praxis in den Prüfverfahren zum Ausdruck gebracht. Ein vorrangiges Ziel ist es herauszufinden, ob SUP und UVP eine Definition von Gesundheit2 anwenden, die mit der aus der Satzung der WHO (2) übereinstimmt. „Umfassend“ bzw. „weit“ wird hierbei genutzt um eine Sichtweise zu bezeichnen, die auch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, verhaltens- und einrichtungsbezogenen Aspekte von Gesundheit betrachtet. „Eng“ wird verwendet, um eine Sichtweise zu bezeichnen, die eine eher gesundheitstechnisch formale Perspektive nutzt. Methode Der Hauptbericht in Englischer Sprache umfasste eine Recherche nach SUP- und UVP- Berichten, die die menschliche Gesundheit thematisieren. Insgesamt wurden 106 einzelne Recherchen in den 53 Mitgliedstaaten der Region durchgeführt. Meist wurden zwischen 50 und 500 Ergebnisse pro Mitgliedstaat gesichtet. Die Recherchen waren darauf ausgerichtet beispielhafte Fallstudien bzw. Berichte zu finden und nicht eine erschöpfende Liste aller existierenden Fallstudien zu erstellen. Die Zeitrahmen für die SUP- und UVP-Berichte wurden durch die jeweilige Gesetzgebung festgelegt: SUP- Berichte wurden dann aufgenommen, wenn ihre Veröffentlichung nach dem Beitritt des Landes zum Protokoll über die strategische Umweltprüfung zum Übereinkommen über die Umweltverträglichkeitsprüfung im grenzüberschreitenden Rahmen (Espoo-Konvention) nachfolgend „SUP-Protokoll“ genannt, erfolgte, d. h. im Juli 2010 oder ggf. nach dem Datum der Ratifikation. UVP-Berichte wurden aufgenommen, wenn sie nach der Umsetzung der UVP- 2 „Gesundheit ist ein Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit oder Gebrechen.“ (2) 2 Resümee Richtlinie der Europäischen Union (EU) aus dem Jahr 2014 veröffentlicht wurden, d. h. nach dem 16. Mai 2017. Dieser Bericht enthält auch eine Literaturauswertung wissenschaftlicher Artikel zum Thema der Berücksichtigung von Gesundheit bei SUP und UVP. Ergebnisse Das Team prüfte Internetinhalte in den Hauptsprachen der Europäischen Region der WHO (entweder in der Originalsprache Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Portugisisch, Niederländisch oder mit Hlfe einer Übersetzungssoftware). Insgesamt wurden 136 SUP- und 197 UVP-Berichte aus der Region identifiziert. Jede dieser insgesamt 333 in Frage kommenden Fallstudien wurde in Bezug auf die „Bedeutung“ von Gesundheit innerhalb des Untersuchungsrahmens und der Bewertung der zu erwartenden Gesundheitsfolgen untersucht. Schließlich wurden zwölf Fälle ausgewählt, um bewährte Praktiken von SUP und UVP für eine Reihe von Ländern, Sektoren und Verwaltungs- bzw. Planungsebene (lokal, regional, national) zu dokumentieren und um einen Eindruck guter fachlicher Praxis in diesen Ländern zu bekommen. Insgesamt wiesen rund 10 % der 333 Fallstudien in ihren Analysen, bzw. Bewertungen eine „umfassende“ Definition der Gesundheitsdeterminanten auf (d. h. die sie bewerteten soziale, ökonomische, verhaltens- und einrichtungsbezogene Determinanten von Gesundheit ebenso wie umweltbezogene Faktoren). Weitere 10 % definierten Gesundheit unter Berücksichtigung weiter gefasster Determinanten. Von den zwölf dokumentierten Fallstudien entfielen jeweils sechs auf SUPen und sechs auf UVPen. Die SUP-Fallstudien für diesen Bericht stammen aus Belgien, Estland, Frankreich, Irland, Schweden und dem Vereinigten Königreich. Die Fallstudien erfassen die Bereiche Raumplanung auf Ebene der Stadtplanung und Siedlungsentwicklung, regionale Abfallkonzepte und nationale Verkehrsplanung. Die UVP-Fallstudien für diesen Bericht stammen aus Finnland, Georgien, Irland, Litauen, Portugal und Ungarn. Die Fallstudien erfassen die Bereiche Verkehrs-, Energie-, Industrie- und Stadtentwicklung. Es wurden ferner wissenschaftliche Datenbanken daraufhin durchsucht, wie Gesundheit bei SUP und UVP berücksichtigt werden. Dabei wurden 35 Artikel gefunden, die für diesen Bericht weitergehend analysiert wurden. 3 Lernen von der Praxis. Fallstudien zur Betrachtung von Gesundheit in der strategischen Umweltprüfung und Umweltverträglichkeitsprüfung Diskussion Die Fallstudien spiegeln aktuelle Praktiken wider und bieten Beispiele dafür, wie die Determinanten von Gesundheit für SUP und UVP in Ländern und Sektoren bei öffentlichen wie privaten Vorhaben bzw. Plänen und Programmen behandelt werden. Die Fallstudien und die Sichtung der wissenschaftlichen Literatur zeigen, dass SUP und UVP weiter gefasste Determinanten der menschlichen Gesundheit bei der Festlegung des Untersuchungsrahmens (Scoping) und im Bewertungsverfahren (Assessment) nutzen. Die Fallstudien zeigen weiterhin, dass es möglich ist, ein angemessenes Bewertungsverfahren3 zu etablieren, wenn Gesundheit in Anlehnung an die Satzung der WHO zu definiert wird. Auch erscheint es angemessen, dass Leitlinien zur Bewertung von gesundheitlichen Auswirkungen innerhalb der SUP und UVP bei der Betrachtung von gesundheitlichen Ungleichheiten, gesunden Lebensweisen, sicheren und starken Gemeinschaften, sozioökonomischen und ökologischen Bedingungen sowie Gesundheits- und Sozialdiensten entwickelt und eingesetzt werden. Die Fallstudien zeigen, dass dies gängige Praxis ist: • die UVP-Richtlinie der EU (3) und ihrem Ziel, „ein hohes Schutzniveau für die Umwelt und die menschliche Gesundheit zu gewährleisten“; • die SUP-Richtlinie der EU (4), die zu dem zentralen Ziel der Umweltpolitik der Europäischen Gemeinschaft beiträgt, namentlich der „Erhaltung und Schutz der Umwelt sowie Verbesserung ihrer Qualität, [und] Schutz der menschlichen Gesundheit“; • die Betonung von Gesundheit, wie sie im SUP-Protokoll unter dem Dach der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) durch das Ziel zum Ausdruck kommt, „sorgfältig Umwelt, einschließlich der menschlichen Gesundheit, in der Entwicklung von Plänen und Programmen zu berücksichtigen“ (5). Die Verwendung einer Definition von Gesundheit in Anlehnung an die Definition der WHO ermöglicht es, das Spektrum zu erwartender Gesundheitsfolgen besser in die Umweltprüfungen zu integrieren. Die SUP- und UVP-Richtlinie enthalten keine konkreten Vorgaben, wie eine bessere Berücksichtigung der menschlichen Gesundheit zu erreichen ist. Die Autoren des Berichts halten fest, dass die Nutzung weit gefasster Gesundheitsdeterminanten bewährte Praktiken anderer Bewertungsaspekte unterstützt: • Die UVP-Richtlinie fordert die Bewertung der „direkten und indirekten signifikanten Auswirkungen eines Projekts auf … die menschliche Gesundheit“. • Die SUP-Richtlinie fordert die Bewertung der „voraussichtlichen erheblichen Umweltauswirkungen [inklusive sekundärer Auswirkungen], einschließlich der Auswirkungen auf Aspekte wie die … Gesundheit des Menschen“. 3 Eine verhältnismäßige/angemessene Bewertung konzentriert sich auf die Faktoren, die wichtig sind. Aus gesundheitlicher Sicht bedeutet dies die Konzentration auf die Gesundheitsdeterminanten, die für die Bewertung eines bestimmten Plans, Programms oder Projekts relevant sind, und die Beibehaltung dieses Fokus auf Determinanten, welche das Potenzial für wahrscheinliche und signifikante Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung haben. 4 Resümee UVP- und SUP-Richtlinie der EU fordern, dass Gesundheit als eigenständiger Faktor berücksichtigt werden muss, auf den sich das Vorhaben auswirkt, sowie die Wechselbeziehung zwischen Gesundheit, Bevölkerung und den genannten Umweltfaktoren. In der Praxis gibt es Diskrepanzen dahingehend, ob eine enge oder eine weite Interpretation von Gesundheit innerhalb von SUP und UVP angemessen ist. Die vorgestellten Fallstudien zeigen, dass eine weit gefasste Herangehensweise derzeit mit Erfolg in einer Reihe von Ländern sowohl in verschiedenen Sektoren als auch auf unterschiedlichen Planungsebenen Anwendung findet. Die weit gefasste Deutung von Gesundheit bietet Entscheidungsträgern Informationen, wie Gesundheit direkt von Umweltveränderungen und indirekt von den sozialen, ökonomischen, verhaltens- und einrichtungsbezogenen Faktoren beeinträchtigt wird. Der Fokus dieser Übersichtsarbeit ist auf die 10 % der SUP und UVP gerichtet, die die weit gefassten Gesundheitsdeterminanten für die gesamte Bewertung anwandten. Die Publizierenden des Berichts stellen fest, dass 64 % der SUPen und 45 % der UVPen eine weite Definition von Gesundheit beinhalten (Umwelt-, Sozial- und Ökonomiebezogen). Die Verknüpfung der bereits vorhandenen sozialen und ökonomischen Elemente mit einer Erörterung der Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung muss dabei nicht aufwändig sein und würde demnach ohne Weiteres in die Umweltprüfung integriert werden können (3–5). Der Schutz und die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung als einem neuen planerischen Baustein der Umweltprüfungen sind auf jeden Fall anzustreben und ersparen gesamtgesellschaftliche Kosten (6,7). Änderungen in der Vorhabensplanung oder Verzögerungen, die sich aus zahlreichen Einwendungen ergeben, führen zu Ressourcenverschwendung und sollten durch bessere Planungen, an der guten fachlichen Praxis orientierte SUP-/UVP-Berichte und eine effiziente Qualitätssicherung gewährleistet werden. Die Verwendung eines weit gefassten Gesundheitsbegriffs für SUP und UVP und die Berücksichtigung möglicher Gesundheitsfolgen ersparen dem Vorhabenträger und der Gesellschaft Kosten. Die frühzeitige und umfassende Berücksichtigung von Gesundheitsbelangen in Umweltprüfungen kann einen Beitrag sowohl zu besseren als auch nachhaltigeren Vorhaben führen. Wird darüber hinaus die Umweltprüfung als Rahmen eines planerischen, die Gesundheitssituation aktiv verbessernden Instrument verstanden, kann sie zu einer Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung, des Gesundheitsschutzes und zu einer gerechten und inklusiven, nachhaltigen Entwicklung führen. Ferner sind die aktuellen und künftigen Herausforderungen in die Berücksichtigung der Gesundheitsbelange zu integrieren, etwa die Auswirkungen des Klimawandel oder die Folgen von Pandemien. 5 Lernen von der Praxis. Fallstudien zur Betrachtung von Gesundheit in der strategischen Umweltprüfung und Umweltverträglichkeitsprüfung Die Befunde dieses Berichts deuten darauf hin, dass die folgenden Maßnahmen zum Kapazitätsaufbau für Gesundheit in der Umweltprüfung nützlich wären: • Die Förderung international und national bewährter Praktiken für Gesundheit in der Umweltprüfung wie sie auch in aktuellen Veröffentlichungen zu Gesundheit in SUP (8) und Gesundheit in UVP (9) sowie zu Gesundheitsfolgenabschätzung empfohlen wird (10–12); • die weitere Verbreitung gesundheitswissenschaftlicher Kenntnisse und Erfahrungen in den Planungs- und Gutachterbüros, die UVP- und SUP-Berichte erstellen, z.B. durch die Konzeption von formellen Ausbildungsgängen, Fortbildungen und die Aufstellung von Kompetenzanforderungen für Akteure aus Gutachter- und Behördenpraxis; • die umfassende Einbeziehung nationaler Interessengruppen (NGO‘s) im Gesundheitsbereich in die Verfahren der Umweltprüfung (UVP und SUP). 6 Resümee Literaturverzeichnis 1. Countries. In: WHO Regional Office for Europe [website]. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe; 2021 (https://www.euro.who.int/en/countries, accessed on 17 November 2021). 2. Constitution of the World Health Organization. In: Basic documents. Forty-ninth edition. Geneva: World Health Organization; 2020 (https://apps.who.int/gb/bd/, accessed on 17 November 2021). 3. Das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union. Richtlinie 2014/52/ EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. April 2014 zur Änderung der Richtlinie 2011/92/EU über die Umweltverträglichkeitsprüfung bei bestimmten öffentlichen und privaten Projekten. Amtsblatt der Europäischen Union. 2014;L124/1 (https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=celex%3A32014L0052, eingesehen am 17. November 2022). 4. Das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union. Richtlinie 2001/42/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. Juni 2001 über die Prüfung der Umweltauswirkungen bestimmter Pläne und Programme. Amtsblatt der Europäischen Union. 2001;L197 (https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2001/42/oj, eingesehen am 17. November 2022). 5. Protocol on Strategic Environmental Assessment of the Convention on Environmental Impact Assessment in a Transboundary Context. Geneva: United Nations Economic Commission for Europe; 2003 (https://unece.org/DAM/env/eia/documents/legaltexts/ protocolenglish.pdf, accessed on 28 March 2022). 6. The case for investing in public health. A public health summary report for EPHO 8. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe; 2014 (https://www.euro.who.int/__data/ assets/pdf_file/0009/278073/Case-Investing-Public-Health.pdf, accessed on 17 November 2021). 7. McGuire F, Vijayasingham L, Vassall A, Small R, Webb D, Guthrie T et al. Financing intersectoral action for health: a systematic review of co-financing models. Glob Health. 2019;15. doi: 10.1186/s12992-019-0513-7. 8. Draft guidance on assessing health impacts in strategic environmental assessment. Geneva: United Nations Economic Commission for Europe; 2020 (https://www.unece. org/fileadmin/DAM/env/eia/documents/WG.9_2020/Final_documents/2004508E.pdf, accessed on 17 November 2021). 7 Lernen von der Praxis. Fallstudien zur Betrachtung von Gesundheit in der strategischen Umweltprüfung und Umweltverträglichkeitsprüfung 9. Cave B, Claßen T, Fischer-Bonde B, Humboldt-Dachroeden S, Martín-Olmedo P, Mekel O et al. Human health: ensuring a high level of protection. A reference paper on addressing human health in environmental impact assessment as per EU Directive 2011/92/EU amended by 2014/52/EU. Fargo: International Association for Impact Assessment and European Public Health Association; 2020 (https://www.iaia.org/uploads/pdf/ Human%20Health%20Ensuring%20Protection%20Summary.pdf, accessed on 17 November 2021). 10. Pyper R, Cave B, Purdy J, McAvoy H. Health impact assessment guidance: a manual and technical guidance. Dublin and Belfast: Institute of Public Health in Ireland; 2021 (https://publichealth.ie/hia-guidance/, accessed on 17 November 2021). 11. Chang M, Sharpe C, Stimpson A, Petrokofsky C, Netherton A, Fischer T B, Muthoora T, Taylor-Green L. Health Impact Assessment in spatial planning - A guide for local authority public health and planning teams; Public Health England; 2020; https://assets. publishing.service.gov.uk/government/ uploads/system/uploads/attachment_data/ file/929230/HIA_in_Planning_Guide_Sept2020.pdf, accessed on 23 March 2022) 12. Green L, Parry-Williams L, Huckle, E. Health Impact Assessment (HIA) and Local Development Plans (LDPs): A Toolkit for Practice; 2021; Wales Health Impact Assessment Support Unit; https://phw.nhs.wales/publications/publications1/health- impact-assessment-hia-and-local-development-plans-ldps-a-toolkit-for-practice/, accessed on 23 March 2022). 8
Das WHO-Regionalbüro für Europa Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine 1948 gegründete Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich in erster Linie mit internationalen Gesundheitsfragen und der öffentlichen Gesundheit befasst. Das WHO-Regionalbüro für Europa ist eines von sechs Regionalbüros, die überall in der Welt eigene, auf die Gesundheitsbedürfnisse ihrer Mitgliedsländer abgestimmte Programme durchführen. WHO Europäisches Zentrum für Umwelt und Gesundheit Platz der Vereinten Nationen 1 D-53113 Bonn Deutschland Tel.: +49 228 815 0400 Fax: +49 228 815 0440 Email: euroeceh@who.int Website: www.euro.who.int WHO/EURO:2022-4882-44645-64185 Albanien Andorra Armenien Aserbaidschan Belarus Belgien Bosnien und Herzegowina Bulgarien Dänemark Deutschland Estland Finnland Frankreich Georgien Griechenland Irland Island Israel Italien Kasachstan Kirgisistan Kroatien Lettland Litauen Luxemburg Malta Monaco Montenegro Niederlande Nordmazedonien Norwegen Österreich Polen Portugal Republik Moldau Rumänien Russische Föderation San Marino Schweden Schweiz Serbien Slowakei Slowenien Spanien Tadschikistan Tschechien Türkei Turkmenistan Ukraine Ungarn Usbekistan Vereinigtes Königreich Zypern Mitgliedstaaten