World Health Organization (WHO) · Technical Documents

Wodurch ist die gesundheitliche Kluft bedingt? Factsheet

World Health Organization
View original document

The full text is hosted by the publishing organisation. lawenc.com indexes the metadata and links to the official source.

Full text

1 Factsheet September 2019 WODURCH IST DIE GESUNDHEITLICHE KLUFT BEDINGT? Für gesundheitliche Ungleichgewichte sind nicht unbedingt die „üblichen Verdächtigen“ verantwortlich Betrachtet man die systematischen Faktoren, die zu einer erheblichen gesundheitlichen Kluft beitragen, so werden oftmals zuerst Probleme innerhalb der Gesundheitssysteme sowie qualitativ unzureichende Gesundheitsangebote genannt. Analysen im Sachstandsbericht über gesundheitliche Chancengleichheit zeigen jedoch, dass Gesundheitsangebote in Bezug auf gesundheitliche Benachteiligungen und somit die Verwirklichung von gesundheitlicher Chancengleichheit zwar eine wichtige Rolle spielen, dass dabei aber auch andere entscheidende Faktoren zum Tragen kommen. Der Bericht identifiziert die folgenden fünf wesentlichen Faktoren, die zu gesundheitlichen Benachteiligungen beitragen, und ordnet jedem einen Prozentsatz zu, der Auskunft über seinen jeweiligen Beitrag zur Gesamtlast der Benachteiligungen gibt: 1. Zugang zur Gesundheitsversorgung und deren Qualität; 2. Einkommenssicherheit und soziale Absicherung; 3. Lebensbedingungen; 4. Sozial- und Humankapital; und 5. Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen. Auch wenn diese Faktoren unabhängig voneinander zu betrachten sind, so umfasst jeder von ihnen bestimmte Ungleichgewichte und Defizite, die zu der gesundheitlichen Kluft beitragen. Gegenwärtig werden in keinem der Länder der Europäischen Region der WHO die für mehr Chancengleichheit erforderlichen Bedingungen in Bezug auf jeden einzelnen dieser Faktoren ausreichend erfüllt. Der Bericht enthält ein wichtiges statistisches Modell, anhand dessen die Daten aus der Europäischen Region analysiert werden. Es zeigt, dass die Ungleichgewichte bei der Einkommenssicherheit und sozialen Absicherung sowie bei den Lebensbedingungen die Faktoren sind, die am stärksten zu der Kluft bei der Bewertung des eigenen Gesundheitszustands, der eigenen psychischen Gesundheit und der eigenen Lebenszufriedenheit beitragen. Genauere Betrachtung der Faktoren, durch die gesundheitliche Ungleichgewichte verschärft werden Der Bericht schlüsselt die Benachteiligungen auf und ordnet jedem der kausalen Faktoren einen Prozentsatz zu. Im Folgenden sind die Faktoren in absteigender Reihenfolge aufgeführt. • Ungleichgewichte bei Einkommenssicherheit und sozialer Absicherung: 35% 2 In der Europäischen Region sind 35% der Kluft bei der Bewertung der eigenen Gesundheit durch Ungleichgewichte bei der Einkommenssicherheit zwischen den Reichsten und Ärmsten in den Ländern bedingt. Bei Einzelpersonen und Familien äußert sich dies durch finanzielle Schwierigkeiten, etwa in Bezug auf den Erwerb grundlegender Güter und Dienstleistungen, wie sie für ein menschenwürdiges und unabhängiges Leben notwendig sind. Hindernisse für die soziale Absicherung, wie etwa die Stigmatisierung von Sozialhilfe, verschärfen bestehende Einkommensungleichheiten. Stigmatisierung sowie das Gefühl, nicht über die gleichen Chancen zu verfügen wie andere und in einem chronischen Zustand finanzieller Unsicherheit zu leben, führen verstärkt zu Stress und Angstzuständen, beeinträchtigen die psychische wie auch die körperliche Gesundheit, erschweren das Vertrauen in die Gesellschaft und mindern das Zugehörigkeitsgefühl. Dies hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. • Ungleichgewichte bei Lebensbedingungen: 29% Ungleichgewichte in Bezug auf Lebensbedingungen, wie etwa die Qualität und Sicherheit von Nahrungsmitteln, Brennstoffen, Wohnraum und Wohngegenden, machen 29% der Kluft bei der Bewertung der eigenen Gesundheit aus. Ein Dach über dem Kopf und Sicherheit sind grundlegende menschliche Bedürfnisse. Sie schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit, Frieden und Sicherheit. Feuchter, unhygienischer, beengter oder unsicherer Wohnraum, unbezahlbare Heiz- oder sonstige Wohnkosten, unsichere Wohngegenden oder die Angst vor häuslicher Gewalt sowie der Aufenthalt in umweltbelasteten gemeinsam genutzten Räumen sind Hindernisse für die Erfüllung dieser grundlegenden Bedürfnisse. Neben Hunger und der Unfähigkeit, Lebensmittel mit hohem Nährwert bezahlen zu können, bringen diese Bedingungen für betroffene Einzelpersonen und Familien ein unverhältnismäßig hohes Risiko in Bezug auf schlechte gesundheitliche Bedingungen und einen vorzeitigen Tod mit sich. • Ungleichgewichte bei Sozial- und Humankapital: 19% Ein geringes Sozial- und Humankapital, das für 19% der Kluft bei der Bewertung der eigenen Gesundheit verantwortlich ist, ist durch ein Gefühl der Isolation, ein geringes Vertrauen in andere und die Angst, niemanden um Hilfe bitten zu können, gekennzeichnet. Zudem umfasst es das Gefühl, geringeren Einfluss auf die Politik ausüben zu können, und weniger imstande zu sein, die Dinge zum Besseren zu wenden. Hierzu zählt auch geschlechtsspezifische Gewalt gegenüber Frauen, die noch immer eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen in der Abb. 1. Anteilige Bedeutung von fünf wesentlichen kausalen Faktoren für das Zustandekommen der gesundheitlichen Kluft 3 Europäischen Region darstellt. Darüber hinaus weist die Europäische Region uneinheitliche Trends hinsichtlich der Unterschiede in Bezug auf Qualität und Zugänglichkeit von Bildung und Lernen in frühen Lebensjahren sowie im gesamten Lebensverlauf auf. Eine sinnvolle gesellschaftliche Teilhabe, das Vertrauen in andere und die Fähigkeit zur Beeinflussung von Entscheidungen tragen zu einer größeren Widerstandsfähigkeit von Individuum und Gesellschaft sowie zur Verringerung der Sterblichkeitsraten und der Prävalenz psychischer Gesundheitsprobleme bei. All dies wirkt sich auf die Chancen und Entscheidungen eines Menschen im Verlauf seines Lebens aus, die für seine Gesundheit und sein Wohlbefinden von entscheidender Bedeutung sind. • Ungleichgewichte in der Gesundheitsversorgung: 10% 10% der Kluft bei der Bewertung der eigenen Gesundheit sind durch Ungleichgewichte hinsichtlich der Qualität, Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von Gesundheitsleistungen bedingt. Wo die Gesundheitssysteme keinen allgemeinen Zugang zu hochwertigen Gesundheitsleistungen und keine angemessene finanzielle Absicherung gegen unbezahlbare Gesundheitskosten bieten, sind die Menschen oft dazu gezwungen, zwischen unentbehrlichen Gesundheitsleistungen und anderen grundlegenden Bedürfnissen zu wählen. Neben den Auswirkungen für Gesundheit und Wohlbefinden beeinflusst dieser Faktor auch das Risiko für soziale und wirtschaftliche Anfälligkeit und Ausgrenzung. • Ungleichgewichte bei Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen: 7% Ungleichgewichte in Bezug auf Erwerbsmöglichkeiten sowie sichere und menschenwürdige Arbeitsbedingungen sind für 7% der Kluft bei der Bewertung der eigenen Gesundheit verantwortlich. Arbeitslosigkeit oder ein Mangel an Bildung und Ausbildung im Alter zwischen 18 und 28 Jahren sind ein Risikofaktor für psychische Gesundheitsprobleme und frühzeitige Herz-Kreislauf-Erkrankungen im späteren Verlauf des Lebens. Eine produktive Beteiligung am Arbeitsmarkt beeinflusst durch ihre Auswirkungen auf das Alltagsleben und die langfristigen Lebenschancen auch die gesundheitliche Chancengleichheit. Dabei spielt auch die Qualität dieser Beteiligung eine wichtige Rolle. Denn unsichere oder vorübergehende Beschäftigungsverhältnisse sowie schlechte Arbeitsbedingungen können zu psychischen Gesundheitsproblemen und schlechter körperlicher Verfassung beitragen, u. a. in Form von tödlichen und nichttödlichen Herz-Kreislauf-Ereignissen, Depressionen und Burnout. Weitere Informationen finden Sie auf der Website www.euro.who.int Dokumentnummer: WHO/EURO:2019-3529-43288-60668 © Weltgesundheitsorganisation 2019 Gewisse Rechte vorbehalten. Diese Arbeit ist unter der Lizenz von Creative Commons Attribution- NonCommercial ShareAlike 3.0 IGO (CC BY-NC-SA 3.0 IGO; https://creativecommons.org/licenses/ by-nc-sa/3.0/igo) erhältlich.

Key facts
Document type Technical Documents
Adoption date
Source World Health Organization